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Insektengiftallergie

Insektengift: Gefahr für Allergiker

Bis in den Herbst sind nun Bienen und Wespen unterwegs. Für Menschen mit einer Insektengiftallergie kann ein Stich tödlich enden. Richtiges Verhalten und Notfallmedikamente sind unerlässlich. aha! Allergiezentrum Schweiz klärt auf.

Bettina Jacob, aha! Allergiezentrum Schweiz

Sommer, barfuss im Freibad, das kühle Nass lockt. Fast beim Schwimmbecken angekommen, durchzieht einen plötzlich ein brennender Schmerz. Wir haben wohl alle schon einmal die Pein erlebt, wenn eine Biene oder eine Wespe zusticht. Das Insektengift verursacht eine lokale Reaktion, die aber noch nicht auf eine Insektengiftallergie hindeutet: Eine Schwellung bis zu zehn Zentimeter Grösse ist normal. Sie kann rot entzündet sein und unglaublich jucken, aber sie verschwindet innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen wieder. «Ist die Schwellung grösser und dauert länger als 24 Stunden, spricht man von einer schweren Lokalreaktion. Aber auch diese ist normalerweise nicht gefährlich», erklärt Sereina de Zordo, Leiterin Fachdienstleistungen bei aha! Allergiezentrum Schweiz.
Anders eine allergische Reaktion auf das Insektengift. Innerhalb von Minuten bis zu einer Stunde nach dem Stich treten folgende Symptome auf: Juckreiz am ganzen Körper, Nesselfieber, Schwindel, Erbrechen bis hin zu Atemnot und Herzrasen. «Mit Blutdruckabfall, Bewusstlosigkeit, Atemstillstand oder sogar Herz-Kreislauf-Kollaps kann diese allergische Reaktion – ein sogenannter anaphylaktischer Schock – lebensgefährlich sein», so de Zordo.

Richtig reagieren im Notfall
Für Allergikerinnen und Allergiker heisst das sofort, wirklich sofort handeln: «Unmittelbar nach dem Stich muss der Stachel entfernt werden (wenn eine Biene zugestochen hat), die Betroffenen müssen die vom Arzt verordneten Medikamente wie Antihistaminika und Kortison einnehmen sowie sich allenfalls eine Adrenalin-Fertigspritze verabreichen», so die Expertin. «Zudem ist sofort der Notarzt zu rufen unter der Telefonnummer 144.» Von einer Insektengiftallergie sind in der Schweiz etwa dreieinhalb Prozent der Bevölkerung betroffen.

Vom Gift zum Kollaps
Was läuft im menschlichen Körper ab, dass ein Stich eines kleinen Insekts zum Kollaps, ja sogar zum Tode führen kann? «Die Anaphylaxie ist eine gravierende allergische Reaktion», führt Sereina de Zordo aus. Bei einer Allergie bildet das Immunsystem Antikörper – die sogenannten Immunglobuline IgE – gegen Eiweisse eines Stoffs, im vorliegenden Fall gegen Eiweisse im Insektengift. Die IgE-Antikörper zirkulieren im Körper und docken an Mastzellen an, die überall im menschlichen Gewebe sind. Dadurch platzen die Mastzellen und setzen Botenstoffe wie zum Beispiel Histamin frei – einen Stoff, der die Gefässe erweitert und durchlässiger macht. Die Folge sind die typischen Symptome einer Allergie: Juckreiz, Niesreiz, laufende Nase, brennende, tränende Augen, Hautreaktionen – oder eben auch Blutdruckabfall, Kollaps, Bewusstlosigkeit und Schock.
Insektengift ist häufig die Ursache einer allergischen Notfallsituation, obwohl auch andere Stoffe eine Anaphylaxie auslösen können: etwa Inhaltsstoffe von Medikamenten oder Nahrungsmittel wie Erdnüsse, Nüsse, Fisch, Ei und Milch.

Niemand gefeit
Bienen sind meistens friedlich unterwegs, sammeln Pollen und saugen Nektar von Blüten. Sticht eine Biene allerdings zu, bleibt der Stachel meist in der Haut zurück und das Insekt stirbt. Wespen hingegen können mehrmals zustechen. Von Grilladen, Eis und anderen Speisen und Getränken auf unseren Tischen werden sie angezogen. Wespen und Menschen kommen sich meist im Hochsommer in die Quere. Hornissen sind weniger aggressiv als Wespen und auch Hummelstiche sind eher selten. «Eine Bienen- oder Wespengiftallergie kann sich jederzeit entwickeln», fügt die Allergieexpertin an. Ein höheres Risiko bestehe, wenn man in kurzer Zeit wiederholt gestochen werde.

Umfassend abklären lassen
Abgeklärt wird eine Insektengiftallergie von einer Allergologin oder einem Allergologen mittels Haut- und Bluttest. «Die Tests sollten frühestens drei bis vier Wochen nach der allergischen Reaktion erfolgen», so Expertin de Zordo. Liegt eine entsprechende Diagnose vor, ist es (lebens-)wichtig, dass Betroffene gut über das Verhalten bei Stichen Bescheid wissen. Und: Sie müssen stets Notfallmedikamente – Antihistaminikum, Kortison, Adrenalin-Fertigspritze – zur Selbstbehandlung auf sich tragen.
«aha! Allergiezentrum Schweiz bietet Schulungen an, wie diese richtig angewendet werden», so de Zordo. Studien zeigen, dass Adrenalin-Autoinjektoren bei einem anaphylaktischen Schock viel zu selten zum Einsatz kommen. «Es ist absolut notwendig, dass Betroffene, Angehörige und auch Betreuungspersonen lernen, mit den Injektoren umzugehen», erklärt Sereina de Zordo. Die Kurse von aha! Allergiezentrum Schweiz stossen auf gutes Echo. «Die Teilnehmenden fühlen sich danach sicherer im Umgang mit dem Adrenalin-Autoinjektor. Das kann lebensrettend sein.»
Eine Insektengiftallergie kann man auch ganz loswerden – in vielen Fällen: mit einer allergenspezifischen Immuntherapie, bei der der Körper langsam an das Allergen gewöhnt wird. Sereina de Zordo: «Sie führt bei über 95 Prozent der Wespengiftallergiker und bei etwa 85 Prozent der Bienengiftallergikerinnen zum vollständigen Schutz. Die Therapie bei der Allergologin, dem Allergologen dauert drei bis fünf Jahre.»

Tipps zum Vermeiden von Insektenstichen
Am idealsten ist es natürlich, Stiche zu vermeiden. Auch Nichtallergikern helfen dabei folgende Verhaltenstipps: Keine raschen Bewegungen in der Nähe von Bienen und Wespen. Nicht barfuss über Wiesen gehen. Vorsicht bei schweisstreibenden Arbeiten und Sport im Freien, bei Gartenarbeit langärmelige Hemden, lange Hosen, Handschuhe und Hut tragen. Wichtig: Süssgetränke oder Bier nicht direkt aus Flaschen und Dosen trinken sowie zu guter Letzt auf Parfüm, Haarspray, parfümierte Sonnen- und Hautcremes verzichten

Allergisch und Insektenstich – was tun?
Menschen mit einer Insektengiftallergie sollten immer ein Notfallset auf sich tragen, das der Arzt, die Ärztin verschrieben hat.
1.  Sofort nach dem Stich: Wenn eine Biene gestochen hat, den Stachel vorsichtig entfernen, indem man diesen mit dem Fingernagel zur Seite schiebt, ohne dabei die daran hängende Giftblase zusammenzudrücken. Wespen verlieren diesen meist nicht. Danach sind die Notfallmedikamente wie Antihistaminika, Kortison und allenfalls eine Adrenalin-Fertigspritze zu verabreichen, und zwar bevor es zu den ersten allergischen Reaktionen kommt.
2.  Anschliessend ist der Notarzt zu rufen: Schweiz 144, Europa 112.
3.  Ist kein Notfallset vorhanden: Bei Bienenstichen sofort den Stachel entfernen und in jedem Fall versuchen, Ruhe zu bewahren. Bei schweren Symptomen eine bequeme Lagerung einnehmen und sofort den Notarzt verständigen (144).
4.  Bei Bewusstlosigkeit und fehlender Atmung: Reanimation.

Reanimation bei Bewusstlosigkeit und fehlender Atmung (gültig bei Jugendlichen und Erwachsenen)
1.   Den Betroffenen flach und auf eine harte Unterlage legen.
2.   Seitlich vom Betroffenen hinknien.
3.   Den Handballen einer Hand in der Mitte des Brustkorbs auflegen, den Handballen der anderen Hand auf die erste Hand legen und die Finger beider Hände miteinander verschränken.
4.   Den Brustkorb mit gestreckten Armen fest und schnell nach unten drücken und wieder komplett entlasten. (Kompressionstiefe 5 bis 6 cm). Handballen dabei nicht abheben. 100 bis 120 Herzdruckmassagen pro Minute – so lange, bis Hilfe eintrifft.
5.   Wenn AED (Defibrillator) verfügbar, diesen gemäss Bedienungsanleitung anwenden. Für geübte Ersthelfer wird empfohlen, sowohl Herzdruckmassage als auch Beatmung durchzuführen (Verhältnis 30:2).
Mehr Informationen zur Reanimation sowie zum Vorgehen bei Kindern und Säuglingen finden Sie in der Erste-Hilfe-App des Schweizerischen Roten Kreuzes.

aha! Allergiezentrum Schweiz hilft
«Anaphylaxie-Schulungen» für Betroffene sowie «Anaphylaxie-Workshops» für Lehrpersonen. Infos: www.aha.ch