Zahnerosion

In aller Munde

Zahn 220

Zahnschmelz ist die härteste Substanz im ganzen Organismus, aber auch er hat einen wunden Punkt: Er löst sich in Säure auf. Die sauren Bestandteile aus unserer Nahrung und unseren Getränken führen über die Jahre hinweg zu einem unwiderruflichen Verlust von Zahnschmelz. Es sei denn, wir tricksen die Säure aus.

 

Dass Süssigkeiten nicht gut für die Zähne sind und bei ihrem Abbau Säuren entstehen, welche die Zähne angreifen, ist mittlerweile durchgedrungen. Wer dabei an die Gummibären denkt, die an den Backenzähnen kleben bleiben, vergisst die Getränke, in denen unsere Zähne regelmässig baden. Bei Kindern und Jugendlichen besonders beliebt sind Süssgetränke aller Art, von Cola und Limonaden über Ice Tea, Energy Drinks und Fruchtsäfte bis zu den neuen, cremigen Ganzfruchtgetränken «Smoothies». Es ist längst bekannt, dass der darin vorhandene Zucker schädlich ist, und das ist wohl auch ein Grund dafür, dass heute vermehrt zu Fruchtsäften gegriffen wird. Aber eben: Auch hier «sitzt der Wurm drin». Auch Fruchtsäfte enthalten Säuren; sei es von den darin enthaltenen Früchten (Orangen, Zitronen, Kiwi, Ananas usw.) oder von den Zusatzstoffen. Selbst der gesündeste Salat wird für die Zäh-ne zum Problem, wenn daran Essig ist.

Zu viel des Guten

Nach dem Essen soll man sich die Zähne putzen, das ist im Laufe der Zeit Allgemeingut geworden. Besonders gesundheitsbewusste Menschen tun das denn auch dann, wenn sie beispielsweise einen Fruchtsalat oder Salat gegessen haben, und sie tun dies so schnell wie möglich. Gerade das aber ist wiederum falsch: Der harte Zahnschmelz, der eine äussere Schutzschicht um den Zahn bildet, ist nämlich säurelöslich. Das heisst: Die in den Lebensmitteln enthaltene Säure weicht den Zahnschmelz auf, und wenn jemand dann zu schnell zur Zahnbürste greift, wird diese Schutzschicht zusätzlich beschädigt – besonders dann, wenn mit einer zu harten Zahnbürste zu stark gerubbelt wird.

Säure von aussen und innen

Nicht unproblematisch sind aber auch gewisse Medikamente (z. B. mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure) oder solche, die den Speichelfluss im Mund ungünstig beeinflussen. Gefährdet sind ausserdem Personen, die an Anorexie (Magersucht) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimie) leiden und die zuvor aufgenommene Nahrung häufig erbrechen. Dadurch gelangt immer auch Magensäure in den Mund, die ihrerseits die Zahnerosion begünstigt. Dieselbe Gefahr besteht bei Magenerkrankungen wie dem Reflux (saures Aufstossen).

Der Zerfall kommt schleichend

Wie sich eine Erosion in der freien Natur bemerkbar macht, sehen Wanderer und Spaziergängerinnen im Gebirge, wo Gestein durch die Witterung oder fliessende Gewässer abgetragen wird. Solche Vorgänge werden nicht von heute auf morgen sichtbar. So ist es auch mit der Zahnerosion: Die betroffene Person spürt sie nicht und sieht sie im Anfangsstadium auch nicht. Allenfalls macht sie sich durch eine leichte gelbliche oder hellbraune Verfärbung bemerkbar, was die Betroffenen – aber das ist grad noch einmal falsch! – dazu verleitet, die Zähne nun erst recht zu schrubben.

Der Profi entdeckt es als Erster

Oft sind es zahnmedizinische Fachleute, die als Erste auf das sich anbahnende Unheil aufmerksam werden: Catherine Sobhani, selbstständige Dentalhygienikerin in Gümligen BE, wird sehr oft mit solchen Zahnschäden konfrontiert. Meistens handelt es sich um leichtere Fälle, sodass sie sich darauf beschränken kann, die Betroffenen über die Ursachen der Zahnerosion und mögliche Gegenmassnahmen aufzuklären. Schwierig wird der Dialog allerdings dann, wenn der Grund des Übels in einer Essstörung zu liegen scheint, denn in solchen Fällen sind die Patientinnen nach Frau Sobhanis Erfahrungen weniger zugänglich für gute Ratschläge. Dass die Dentalhygienikerin jemanden quasi als Notfall an den Zahnmediziner überweisen muss, kommt selten vor. «Die ersten Anzeichen einer Erosion bleiben für die Patientinnen und Patienten oft unbemerkt», weiss der Zahnarzt Jochen Höb, der in der Praxis von Eva Hunziker in Ilanz GR praktiziert: «Deshalb ist es für die Behandelnden wichtig, darauf zu achten und frühzeitig Ratschläge zu geben.» Bei kleineren Defekten gehe es vor allem darum, der Kundschaft Tipps im Hinblick auf die Ernährung und Mundhygiene zu geben. Dort, wo eine medizinische Ursache zur Zahnerosion beitrage (Magenerkrankungen, Essstörungen), ermuntert Jochen Höb seine Patientinnen und Patienten dazu, das Gespräch mit dem Arzt zu suchen. Sind die Effekte der Zahnerosion bereits gut sichtbar, behandelt der Zahnarzt diese «oft mit einfachen Mitteln» (z. B. Füllungen). In besonders schweren Fällen müssen die Zähne überkront werden.

Die Säure neutralisieren

Dass jemand direkt in die Apotheke kommt, dem Personal sein Gebiss zeigt und fragt, ob er unter Zahnerosion leide, kommt selten vor; Samuel Schmid von der Jupiter-Apotheke in Bern jedenfalls hat das noch nie erlebt. Zunehmend häufiger kommen jedoch Kundinnen und Kunden in sein Geschäft, die durch die Zahnärztin oder den Dentalhygieniker auf das Problem aufmerksam gemacht wurden und nun nicht wissen, was sie tun sollen. In solchen Fällen erklärt Schmid die Zusammenhänge, verbunden mit Empfehlungen in Bezug auf die Ernährung: aufpassen bei säurehaltigen Lebensmitteln, solche vor allem nicht in kleinen Portionen über den Tag verteilt aufnehmen. Fruchtsäfte und Ähnliches nicht lange im Mund behalten, sondern am besten mit einem Strohhalm trinken und allenfalls mit Wasser nachspülen.

Der Apotheker empfiehlt ausserdem, nach einer stark sauren Mahlzeit einige Bissen oder Schlucke eines kalziumhaltigen Produkts zu sich zu nehmen, das die Säure im Mund neutralisiert. Das kann ein Glas Milch sein, ein Stück Käse oder ein Joghurt. Ist jemand auf Reisen, tut auch ein zuckerfreier Kaugummi seine Wirkung, weil durch das Kauen die Speichelproduktion angeregt wird, die ihrerseits die Säure neu-tralisiert. Wichtig ist laut Samuel Schmid ferner, dass die Zähne erst mindestens eine halbe Stunde nach der Mahlzeit gereinigt werden, denn bis dahin hat sich der durch die Säure aufgeweichte Zahnschmelz wieder etwas stabilisiert. Für die Reinigung sollte im Übrigen eine eher weiche Bürste benutzt werden, mit der nicht «mit harter Hand» hin- und hergeschrubbt wird, sondern möglichst kreisförmig und bloss mit leichtem Druck.

Den Zahnschmelz stärken

Besondere Vorsicht ist bei kleinen Kindern geboten: Dass Süssgetränke aus der Nuckelflasche oder Schnabeltasse zu Karies führen können, ist mittlerweile bekannt. Ebenso gefährlich sind jedoch säurehaltige Flüssigkeiten, die durch den ständigen Kontakt mit dem Gebiss zu einer frühzeitigen Zahnerosion führen können. Die Zahnerosion kann nicht rückgängig gemacht werden. Aus diesem Grund wird der Apotheker der Rat suchenden Kundschaft auch kein angebliches Heilmittel gegen diese irreversiblen Schäden anbieten. Neben der persönlichen Beratung verfügt er jedoch über ein breites Angebot von Produkten, mit denen der säurebedingte Zahnzerfall vermindert oder gar aufgehalten werden kann. Im Vordergrund stehen dabei Zahnpasten und Mundspülungen, die Fluoride oder eine Mischung von Fluoriden und Zinnverbindungen enthalten. Die Fluoride, die im Übrigen auch bei der Bekämpfung von Karies wirksam sind, werden – wie auch die Zinnverbindungen – in den Zahnschmelz eingelagert, härten diesen und schützen ihn vor der schädigenden Wirkung der Säuren.


Zahnschmelz

Der Zahnschmelz wird im Milchgebiss ab etwa dem sechsten Schwangerschaftsmonat gebildet. Wichtig ist, dass die Mutter in dieser Zeit genügend Kalzium, Phosphor sowie die Vitamine A, C und D aufnimmt.

Zu 95 Prozent besteht der Zahnschmelz aus dem anorganischen Phosphat Hydroxylapatit.

Obwohl der Name «Schmelz» (wie «Schmelzkäse») auf eine besondere Weichheit schliessen liesse, ist Zahnschmelz das härteste Gewebe im menschlichen Körper. Schliesslich muss er den darunter liegenden Zahn wirksam schützen gegen mechanische und chemische Einwirkungen. Weil die Substanz aber säurelöslich ist, wird der Zahnschmelz beim Kontakt mit zu viel Säure aufgeweicht und dadurch anfällig auf mechanische Belastungen (Kauen, Zähneknirschen, Einwirkung von Zahnbürsten und -pasten usw.).


Martin Leutenegger